Kann man Glück lernen? Was die Positive Psychologie über ein erfülltes Leben verrät
- Magnus Kyre

- 25. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Glücklich sein – wer möchte das nicht?
Doch während viele Menschen Glück als Zufall oder Persönlichkeitsmerkmal betrachten, zeigt die moderne Forschung ein anderes Bild:
Glück ist zu einem gewissen Teil erlernbar.
Die Positive Psychologie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, was Menschen dabei unterstützt, ein erfülltes, zufriedenes und gelingendes Leben zu führen.
Dabei geht es nicht um oberflächlichen Optimismus oder die ständige Suche nach guten Gefühlen. Vielmehr untersucht die Positive Psychologie wissenschaftlich fundiert, welche Faktoren unser Wohlbefinden langfristig fördern und wie wir diese gezielt stärken können.
Was ist Glück? Eine Definition aus der Positiven Psychologie
Wenn Menschen von Glück sprechen, meinen sie oft unterschiedliche Dinge:
Freude und positive Gefühle
Zufriedenheit mit dem eigenen Leben
Sinn und Erfüllung
Erfolg und persönliche Entwicklung
Aus wissenschaftlicher Sicht umfasst Glück all diese Facetten. Die Positive Psychologie betrachtet Glück deshalb als ein mehrdimensionales Konzept, das emotionale, soziale und psychologische Aspekte miteinander verbindet.
Statt nur zu fragen „Wie kann ich mich besser fühlen?“, beschäftigt sich die Positive Psychologie auch mit der Frage:
„Wie kann ich ein gutes und erfülltes Leben führen?“
Die drei wichtigsten Modelle von Glück und Wohlbefinden
Um Glück besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf drei der einflussreichsten Modelle der Positiven Psychologie.
1. Subjektives Wohlbefinden nach Ed Diener
Der Psychologe Ed Diener gilt als einer der Pioniere der Glücksforschung. Sein Modell des subjektiven Wohlbefindens basiert auf drei Komponenten:
Häufige positive Emotionen
Wenige belastende Emotionen
Hohe Lebenszufriedenheit
Menschen erleben demnach Glück, wenn sie ihr Leben insgesamt positiv bewerten und regelmäßig angenehme Gefühle erfahren. Dieser Ansatz wird häufig als hedonisches Wohlbefinden bezeichnet, da er Freude und Zufriedenheit in den Mittelpunkt stellt.
2. Psychisches Wohlbefinden nach Carol Ryff
Carol Ryff erweiterte die Perspektive und fragte, was ein erfülltes Leben ausmacht – unabhängig davon, ob es sich immer angenehm anfühlt.
Ihr Modell umfasst sechs Dimensionen:
Selbstakzeptanz
Positive Beziehungen
Autonomie
Umweltgestaltungskompetenz
Persönliches Wachstum
Sinn und Lebensziele
Dieses Verständnis wird häufig als eudaimonisches Wohlbefinden bezeichnet. Es beschreibt die Entfaltung menschlicher Potenziale und die Entwicklung eines sinnvollen Lebens.
3. Flourishing: Aufblühen nach Martin Seligman
Martin Seligman, einer der Begründer der Positiven Psychologie, entwickelte das bekannte PERMA-Modell.
PERMA steht für:
Positive Emotions (Positive Emotionen)
Engagement (Engagement)
Relationships (Beziehungen)
Meaning (Sinn)
Accomplishment (Zielerreichung)
Nach Seligman entsteht nachhaltiges Wohlbefinden durch das Zusammenspiel dieser fünf Faktoren. Menschen, die „flourishen“ – also aufblühen –, erleben nicht nur Freude, sondern auch Verbundenheit, Sinn, persönliches Wachstum und Erfolg.
Wovon hängt unser Glück ab?
Eine der spannendsten Erkenntnisse der Glücksforschung lautet:
Nicht alles, aber vieles liegt in unserer Hand.
Die Wissenschaft hat verschiedene Einflussfaktoren identifiziert.

1. Gene und Persönlichkeit
Ein Teil unseres Glücksniveaus scheint genetisch beeinflusst zu sein. Forschende gehen davon aus, dass bis etwa zur Hälfte der Unterschiede im subjektiven Wohlbefinden auf genetische Faktoren zurückgeführt werden kann. Manche Menschen erleben positive Emotionen leichter, andere reagieren sensibler auf Belastungen. Dennoch bedeutet dies keineswegs, dass unser Glück festgeschrieben ist.
2. Geld und materieller Wohlstand
Macht Geld glücklich? Die Antwort lautet: teilweise.
Finanzielle Sicherheit trägt wesentlich zum Wohlbefinden bei, insbesondere wenn grundlegende Bedürfnisse erfüllt werden. Neuere Studien zeigen jedoch, dass Einkommen allein kein Garant für dauerhaftes Glück ist.
Entscheidend ist weniger die Höhe des Einkommens als die Frage, wie Menschen ihr Leben gestalten und welche Bedeutung sie ihrem Wohlstand zuschreiben.
3. Lebensumstände
Gesundheit, Wohnsituation, Arbeitsbedingungen oder gesellschaftliche Sicherheit beeinflussen unser Wohlbefinden ebenfalls. Interessanterweise gewöhnen wir uns jedoch relativ schnell an viele Veränderungen. Die Forschung spricht hier von der sogenannten hedonischen Adaptation. Deshalb führen äußere Verbesserungen häufig nicht automatisch zu dauerhaft mehr Glück.
4. Verhalten und Gewohnheiten
Hier liegt die vielleicht wichtigste Botschaft der Positiven Psychologie:
Unsere täglichen Entscheidungen haben einen erheblichen Einfluss auf unser Wohlbefinden.
Menschen berichten von höherer Lebenszufriedenheit, wenn sie regelmäßig:
Dankbarkeit praktizieren
körperlich aktiv sind
ihre Stärken einsetzen
soziale Kontakte pflegen
achtsam leben
sinnvolle Ziele verfolgen
Positive Gewohnheiten wirken wie ein Training für das Wohlbefinden.
5. Soziale Beziehungen
Kaum ein Faktor ist so eng mit Glück verbunden wie zwischenmenschliche Beziehungen.
Menschen mit vertrauensvollen Freundschaften, unterstützenden Partnerschaften und einem starken sozialen Netzwerk erleben im Durchschnitt mehr Wohlbefinden und psychische Gesundheit. Die vielleicht wichtigste Investition für ein glückliches Leben sind daher oft nicht Dinge, sondern Menschen.
6. Alter und die Glückskurve des Lebens
Spannend ist auch der Zusammenhang zwischen Alter und Glück.
Viele Studien beschreiben eine sogenannte U-Kurve: Das Wohlbefinden ist häufig im jungen Erwachsenenalter relativ hoch, sinkt in der Lebensmitte etwas ab und steigt im höheren Alter wieder an.
Eine mögliche Erklärung: Mit zunehmendem Alter lernen Menschen, ihre Aufmerksamkeit stärker auf das Wesentliche zu richten und ihre Emotionen besser zu regulieren.
Warum Glück mehr ist als gute Laune
Wer an Glück denkt, verbindet damit häufig positive Gefühle.
Doch dauerhaftes Wohlbefinden bedeutet nicht, ständig fröhlich zu sein.
Ärger, Trauer, Unsicherheit oder Enttäuschung gehören zum Leben dazu. Die Positive Psychologie verfolgt daher nicht das Ziel, unangenehme Gefühle zu vermeiden.
Vielmehr geht es darum, auch in herausfordernden Zeiten Ressourcen zu aktivieren, Sinn zu erleben und handlungsfähig zu bleiben. Wohlbefinden entsteht nicht durch die Abwesenheit von Problemen, sondern durch die Fähigkeit, konstruktiv mit ihnen umzugehen.
5 praktische Wege zu mehr Glück im Alltag
Die Forschung liefert zahlreiche Hinweise darauf, wie Menschen ihr Wohlbefinden stärken können.
1. Dankbarkeit trainieren: Notiere jeden Abend drei Dinge, die an diesem Tag gut waren. Diese einfache Übung gehört zu den am besten untersuchten Interventionen der Positiven Psychologie.
2. Eigene Stärken nutzen: Stelle dir die Frage: Welche Tätigkeiten geben mir Energie?
Menschen erleben mehr Motivation und Zufriedenheit, wenn sie ihre individuellen Stärken bewusst einsetzen.
3. Flow-Erlebnisse fördern: Flow entsteht, wenn wir vollkommen in einer Tätigkeit aufgehen. Typische Beispiele sind:
Kreative Arbeit
Sport
Lernen
Musizieren
Anspruchsvolle berufliche Aufgaben
Flow-Erfahrungen gehören zu den stärksten Quellen nachhaltigen Wohlbefindens.
4. Beziehungen aktiv gestalten: Ein ehrliches Gespräch, ein Dankeschön oder gemeinsame Zeit mit wichtigen Menschen wirken oft stärker auf unser Glück als materielle Anschaffungen.
5. Sinnvolle Ziele verfolgen: Menschen benötigen Orientierung und das Gefühl, zu etwas Größerem beizutragen. Fragen Sie sich regelmäßig: Wofür lohnt es sich für mich, morgens aufzustehen?
Fazit: Glück ist gestaltbar
Die Forschung der Positiven Psychologie zeigt eindrucksvoll, dass Glück weit mehr ist als ein zufälliger Moment der Freude.
Nachhaltiges Wohlbefinden entsteht durch das Zusammenspiel von positiven Emotionen, tragfähigen Beziehungen, persönlicher Entwicklung, Sinn und Engagement.
Auch wenn wir nicht alle Lebensumstände beeinflussen können, besitzen wir deutlich mehr Gestaltungsspielraum, als viele Menschen vermuten.
Glück ist daher weniger ein Ziel, das irgendwann erreicht wird.
Es ist vielmehr ein fortlaufender Prozess, der durch unsere Aufmerksamkeit, unsere Gewohnheiten und unsere Beziehungen jeden Tag neu entsteht.
Wissenschaftliche Grundlagen
Dieser Beitrag basiert unter anderem auf den Arbeiten von Martin Seligman (2002, 2011), Ed Diener (1984), Carol Ryff (1995), Sonja Lyubomirsky et al. (2005), Mihály Csíkszentmihályi (1990), Daniel Kahneman und Angus Deaton (2010), Matthew Killingsworth (2021) sowie Killingsworth et al. (2023).
Darüber hinaus flossen Erkenntnisse aus den Arbeiten von Diener und Seligman (2002), Holt-Lunstad et al. (2015), Carstensen et al. (2010), Blanchflower und Oswald (2008), Blickhan (2018, 2023) sowie Unterlagen der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie (DGPP) ein.
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